Interview Freifunk Chemnitz

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Hotspot-Betreiber haften fĂŒr ihre Nutzer...

...so sieht es die sogenannte Störerhaftung. Bis jetzt.
Gerade als wir am Erstellen der neuen Ausgabe der Wave sitzen und das Interview mit den Chemnitzer Freifunkern frisch aufgenommen ist, hat sich Union und SPD ĂŒberraschend entschieden, die im nachfolgenden Interview besprochene Störerhaftung fĂŒr WLAN-Betreiber komplett zu kippen. Auch die lange diskutierte Vorschaltseite fĂŒr freie WLANs ist im jetzigen Gesetzesentwurf nicht mehr enthalten.

Die FREIFUNK-Community dĂŒrfte das sehr freuen. Das riesige Engagement im Mitmach-Netzwerk, stetig steigende Teilnehmerzahlen und sogar die Verleihung eines Friedenspreises haben wir zum Anlass genommen, den Freifunk nĂ€her vorzustellen. Dazu waren wir bei den Organisatoren im Harz, Franken und Chemnitz und haben uns das Projekt, die Begeisterung und die technische Umsetzung erklĂ€ren lassen.

Wir stellen vor: der Freifunk Chemnitz e.V.
Freifunk Chemnitz e.V. sind netzaffine Menschen, die in ihrer Freizeit seit 2011 ein offenes und anonymes WLAN in Chemnitz, Mittelsachsen (bspw. Augustusburg, Frankenberg, Flöha), Erzgebirge (bspw. Annaberg-Buchholz, Seiffen, Zschopau) oder Zwickau aufbauen. Jeder kann es einfach benutzen und darĂŒber surfen oder es mit seinen Nachbarn teilen – es ist offen und kostenfrei fĂŒr jedermann. Um das Netz stetig zu vergrĂ¶ĂŸern, kann jeder mitmachen und seinen eigenen Freifunk-Knoten "aufmachen" oder einfach beim LieblingscafĂ© werben.

VARIA: Der Chemnitzer Friedenspreis wird seit 2002 jedes Jahr vergeben um friedensstiftende kulturelle und politische Impulse zu ehren. WofĂŒr habt Ihr den Preis erhalten? Was verbindet den Freifunk mit einem friedlichen Chemnitz/Sachsen?

Steffen Förster: Wir haben den Preis im Rahmen unserer Zusammenarbeit mit verschiedenen Erstaufnahmeeinrichtungen fĂŒr ankommende FlĂŒchtlinge erhalten. Mit Hilfe unseres Netzwerkes konnten die Menschen in den Einrichtungen unkompliziert das Internet nutzen und somit auch Kontakt zu ihren Familienangehörigen herstellen. Das Internet als grĂ¶ĂŸte Informationsquelle stellt in unseren Augen eine Notwendigkeit dar, die fĂŒr jeden Menschen frei zugĂ€nglich sein sollte.

Freifunk Chemnitz

VARIA: Was ist der Chemnitzer Freifunk eigentlich und was waren Eure BeweggrĂŒnde den Freifunk Chemnitz zu grĂŒnden? Bitte stellt Euch vor.

Steffen Förster: Als drittgrĂ¶ĂŸte Stadt Sachsens war es natĂŒrlich höchste Zeit eine eigene Community zu grĂŒnden. Freifunk gibt es schließlich deutschlandweit und auch in Chemnitz war und ist der Bedarf an freien InternetzugĂ€ngen hoch. Dabei kreieren wir nicht nur einzelne Hotspots sondern bauen ein großes Mesh-Netzwerk auf, welches unabhĂ€ngig und dezentral betrieben wird. Das bedeutet, dass die einzelnen Router untereinander per WLAN verbunden sind und den Netzwerkverkehr untereinander verteilen können. Diese DezentralitĂ€t schĂŒtzt einzelne AnschlĂŒsse auch vor Ausfall und gewĂ€hrleistet somit den freien Informationsaustausch

VARIA: Die Anzahl der öffentlichen WLAN-Hotspots nimmt in Deutschland nur schleppend zu und Deutschland hĂ€ngt im internationalen Vergleich weit hinterher. Was meint Ihr ist die Ursache dafĂŒr?

Steffen Förster: Die Antwort ist simpel und heißt Störerhaftung. Diese besagt, dass bei Missbrauch nicht der Nutzer sondern der Anschlussinhaber haftbar gemacht werden kann. Stellt also jemand seinen Internetanschluss der Öffentlichkeit zur VerfĂŒgung und wird ĂŒber diesen eine Straftat begangen, ist nicht der Verursacher der Schuldige, sondern die Verantwortung liegt allein beim Betreiber des Internetanschlusses. Das Gesetzt zur Störerhaftung gilt nur in Deutschland, in anderen LĂ€ndern sind freie InternetzugĂ€nge und WLAN-Hotspots deshalb viel weiter verbreitet.

VARIA: Die Verbreitung von breitbandigen InternetzugĂ€ngen und deren VerfĂŒgbarkeit haben nach den Verlautbarungen der Bundesregierung höchste PrioritĂ€t. Was hat das fĂŒr Auswirkungen auf den Ausbau und die Community des Freifunknetzwerkes?

Steffen Förster: Die Bundesregierung fordert hier etwas, worum sich der Freifunk e.V. schon seit ĂŒber 10 Jahren in Eigenregie bemĂŒht. Die Erschließung von digitalem Brachland nimmt nun aber durch politische Programme und aktuelle Debatten weiter an Fahrt auf. Davon profitieren auch wir, denn Freifunk ist in der Lage dieses Ziel mitzugestalten. Einige Gemeinden arbeiten hier schon mit uns zusammen und ziehen eine Initiative in BĂŒrgerhand einem Großkonzern wie der Telekom gern vor. Die Förderprogramme von Land und Bund zielen auch explizit auf nachhaltige und ökonomischere Lösungen ab. Durch Freifunk erhalten vor allem kleinere StĂ€dte und Dörfer die Möglichkeit dieses Vorhaben zusammen mit ihren Einwohnern zu erreichen, anstatt sich von einem etablierten Provider mit Marktmonopol abhĂ€ngig zu machen.

VARIA: Worin genau besteht momentan die Rechtsunsicherheit beim Betrieb öffentlicher WLANs und spielt das Thema "Störerhaftung" fĂŒr Freifunk eine Rolle?

Diese DezentralitĂ€t schĂŒtzt einzelne AnschlĂŒsse auch vor Ausfall und gewĂ€hrleistet somit den freien Informationsaustausch.

Steffen Förster: Die bereits erwĂ€hnte Störerhaftung ist in der Tat ein großes Problem fĂŒr öffentliche WLANs. Die Angst fĂŒr Handlungen anderer im Internet haftbar gemacht zu werden ist groß. Dennoch haben wir einen Weg gefunden diese HĂŒrde zu nehmen. Der gesamte Datenverkehr der Router wird mittels einem VPN-Tunnel zu unseren Freifunk-Servern geleitet. Damit ist der einzelne Knotenbetreiber nicht mehr zu ermitteln.

VARIA: MĂŒssen Betreiber von öffentlichen Hotspots bzw. Freifunk-Hotspots eine Meldung bei der Bundesnetzagentur machen?

Steffen Förster: Der Betrieb einer öffentlichen WLAN-Infrastruktur ist immer dann meldepflichtig, wenn der Betreiber gewerblich tĂ€tig ist. Das trifft allerdings auch dann zu, wenn er kostendeckend arbeitet. Der Freifunk Chemnitz e.V. ist deshalb als ISP bei der Bundesnetzagentur angemeldet. FĂŒr Nutzer, die zu Hause einen Router aufstellen und so dem Freifunknetzwerk beitreten, gilt diese Vorschrift nicht.

VARIA: Was genau liegt in Verantwortlichkeit des Betreibers eines Freifunk-Hotspots bzw. gibt es Risiken die ein Betreiber beachten soll?

Steffen Förster: In die Verantwortung des Betreibers fĂ€llt lediglich der physikalische Betrieb des GerĂ€ts - d.h. der Aufstellort sollte entsprechend sicher sein, damit keiner durch abstĂŒrzende Router oder Antennen zu Schaden kommt. DarĂŒber hinaus ist natĂŒrlich fĂŒr Strom und ggf. Internetzugriff zu sorgen.

VARIA: Du hast vorhin das Routing per VPN erwĂ€hnt. Wie genau kann man sich die Umsetzung des Routings ĂŒber den Tunnel vorstellen?

Steffen Förster: Jeglicher Traffic wird ĂŒber unser VPN transportiert - das ist eine Art unsichtbares Kabel zu unseren Servern. Dort kĂŒmmern wir uns um die weitere Verteilung der Datenpakete, sodass die Nutzer einen Zugangs ins Internet bekommen. DafĂŒr haben wir mehrere DHCP- und DNS-Server im Einsatz, welche untereinandern mit GRE und BGP vernetzt sind. Die Router selbst nutzen die Tunnel-Software fastd oder l2tp, um sich in unsere Infrastruktur zu verbinden.

VARIA: Weg von den rechtlichen Aspekten, wie groß ist Euer Netzwerk? Wie viele Hotspots/UnterstĂŒtzer habt Ihr?

Steffen Förster: Derzeit gibt es 280 Knoten im gesamten Chemnitzer Stadtgebiet und einigen Randgebieten zur City. Mit rund 150 UnterstĂŒtzern bilden wir eine Community die sich sehen lassen kann. DafĂŒr sprechen auch unsere Zugriffszahlen die aktuell bei bis zu 600 Usern gleichzeitig liegt.

VARIA: Welche Technik sollte fĂŒr einen Freifunk-Hotspot genutzt werden?

Steffen Förster: FĂŒr die Nutzung bedarf es keiner ausgefallenen Technik. Es wird lediglich ein OpenWRT-fĂ€higer Router benötigt. Dieser sollte mindestens ĂŒber 4 MB Flash und 16 MB Arbeitsspeicher verfĂŒgen. Auf dieses GerĂ€t wird unsere eigene Firmware geflasht. Die Software - GLUON - wird in Zusammenarbeit mit vielen Freifunkern aus ganz Deutschland entwickelt.

VARIA: Wer installiert die Software auf das System? Verliert das GerÀt dadurch seine Garantie?

 

Quelle: Philipp Seefeldt von Freifunk Berlin

 

Steffen Förster: Viele zukĂŒnftige Nutzer erhalten von uns ein vorkonfiguriertes GerĂ€t. Damit braucht der Betreiber den Router nur mit seinem vorhanden Internetanschluss verbinden oder aber mit einem bestehenden Freifunk-Router in seiner NĂ€he. Technikaffine können die Firmware auch selbst auf den Router flashen. Die originale Firmware des GerĂ€tes kann jederzeit wieder installiert werden und die Hardware-Garantie verfĂ€llt ebenso wenig.

VARIA: Wie schnell sind die Verbindungen? Welche Bandbreite kann der „Gast“ erwarten? Wird die eigene Verbindung dadurch beschrĂ€nkt?

Steffen Förster: Die Surfgeschwindigkeit liegt meist zwischen 5 und 50 MBit/s - je nach vorhandenem Internetanschluss und Routermodell. Unsere Software erlaubt es dem Betreiber nur einen bestimmten Teil seiner Bandbreite zur VerfĂŒgung zu stellen. Somit bleibt fĂŒr das heimische Netzwerk immer genug KapazitĂ€t ĂŒbrig.

VARIA: Kann man die Nutzung des Freifunk-Hotspots ĂŒberwachen, d.h. was genau darĂŒber genutzt wird? Wird Werbung geschalten?

Steffen Förster: Es gibt keinen Eingriff auf den vorhandenen Datenstrom genauso wenig wie eine Vorratsdatenspeicherung. Der Nutzer bewegt sich komplett anonym. Es gibt lediglich eine anonyme Nutzungsstatistik pro Router. Diese wird nur fĂŒr die Auswertung des Traffics genutzt.

VARIA: Wer haftet, wenn ein Nutzer des eigenen Hotspots durch das Nutzen geschĂ€digt wird, z.b.: durch einen Virus oder Systemabsturz oder Ähnliches?

Steffen Förster: Die Freifunkrouter bringen durch unser VPN schon einen gewissen Grundschutz mit. Allerdings liegt - wie auch bei allen anderen Hotspots - die Verantwortung in der Hand des Nutzers. So empfehlen wir beispielsweise immer den Einsatz von SSL-VerschlĂŒsslung bei Online-Banking oder Ă€hnlichen Anwendungen. Oftmals ist dies allerdings schon von Haus aus der Fall. Der Traffic im WLAN selbst ist technisch nicht zu schĂŒtzen, da es sich um einen freien und offenen Zugang ohne Passwort handelt.

VARIA: Als kurzes Fazit: Warum sollte man einen Freifunk-Hotspot zur VerfĂŒgung stellen?

Steffen Förster: Lass mich diese Frage abschließend mit einem kleinen Beispiel beantworten. Jeder freut sich in einem gutem Restaurant ĂŒber den “Gruß aus der KĂŒche”. Dieser Service ist auch auf digitale Angebote ĂŒbertragbar. Egal ob es sich um ein Restaurant oder die heimische Wohnung handelt - der barrierefreie Zugang zum Internet ist in der heutigen Zeit ein Grundrecht und sorgt fĂŒr zufriedene Kunden und Freunde gleichermaßen.

Vielen Dank an das Team von Freifunk fĂŒr das beantworten unserer Fragen!
(Interview und Foto: Michael Großfrei)

Das Video von Philipp Seefeldt vom Freifunk Berlin (siehe oben) zeigt, dass es bei Freifunk um mehr geht, als nur Surfen. Freifunker wollen die Vernetzung von Menschen und Organisationen fördern und damit einen Mehrwert fĂŒr Kultur und Bildung schaffen. Doch auch technisch bieten diese Netzwerke Vorteile:

  • regional beschrĂ€nkte Contents (PlayList, YouTube, Zattoo u.a.)
  • moderne Infrastruktur (IPv6, Roaming, Peerings in andere Netze z.B. dn42)
  • AnonymitĂ€t und Rechtssicherheit

Die Rechtssicherheit wird durch die Nutzung einer VPN-Software auf den Knoten hergestellt. Diese sorgt dafĂŒr, dass alle Verbindungen nur zu Freifunk zurĂŒckverfolgbar sind.
AnonymitÀt wird durch fehlendes Logging innerhalb des Freifunk Netzes und durch einen Tor-Proxy gewÀhrleistet. Innerhalb des Netzes kann jede bekannte Webseite auch extra per Tor aufgerufen werden.

Eine aktuelle Übersicht zum WiFi in Chemnitz findet man hier:
chemnitz.freifunk.net (→ Karte)

Spendenkonto:
Freifunk Chemnitz e.V.
Konto Nr: 1017306299
BLZ: 12030000
IBAN: DE30120300001017306299
BIC: BYLADEM1001
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